Eskimo-feeling in Stralsund
“Am besten, du nimmst dir ´n Hammer mit”, schlägt der Zuschauer dem Kanuten von oben herab vor. Schweißnass kämpft der mit dem Eis, das sich Im Februar 2009 wie ein Deckel auf den Langen-, Querkanal und Nordhafen gelegt hat.
Was tags zuvor noch mit einigem Kraftaufwand gelang - die Fahrt zum Stralsunder Hafen hinaus auf den Sund -, erscheint jetzt schier unmöglich. Auf zehn Zentimeter und stellenweise mehr ist der eisige Panzer angewachsen. Lufttemperatur: minus acht Grad. Statt Hammer muss das Alu-Paddel als verlängerter Hebelarm herhalten. Trotz wuchtiger Schläge kann vor dem schmalen SEAYAK-Steven nur eine kümmerliche Ritze freigebrochen werden. Nicht gerade ermutigend, um mehrere hundert Meter zu schaffen. Als dann: Anlauf nehmen und in Rammfahrt voran. Rumms!, sitzt das solide Polyäthylen-Boot mit Grönland- und Spitzbergen-Erfahrung fest oder gleitet - schon besser - beim nächsten Versuch auf die Eisdecke, um dann krachend einzubrechen.
Aufgeschlitzt und gesunken
“Du bist wohl der Kanal-Eisbrecher hier”, lacht ein Passant, bleibt stehen und vergräbt die Hände in seinen Jackentaschen. Mit Kennerblick die Dicke der Schollenpakete messend, meint ein anderer skeptisch: “Das schaffst du doch nie mit deinem Plasteboot!” Der Hinweis von unten auf arktische Paddel-Erfahrungen greift nicht. Statt dessen nur ungläubiges Staunen und Kopfschütteln. Manche fotografieren den „Verrückten“ emsig. Vielleicht hat auch der in einem früheren Winter an gleicher Stelle vom Eis aufgeschlitzte und gesunkene Kutter “Saturn” zur Meinungsbildung beigetragen. Dass morsche Eichenplanken anders auf scharfkantiges Eis reagieren als massiver Kunststoff ohne Angriffsflächen, stimmt ihn nicht um. Andere wiederum fragen, ob es denn nicht zu kalt sei. Die Antwort: “Heizung ist eingebaut” provoziert Lacher auf dem Kanalufer. Schon eher zieht, dass man selbst genügend “innere Hitze” habe. Vier mitleidige Stralsunder bieten ein Schleppmanöver an: mit der Wurfleine eines Rettungsrings, der über das Eis zum Paddler gleiten soll. Doch das wird zurückgewiesen. Wassersportlers Stolz.Die Strecke zieht sich, die Pausen werden länger. Das Ende vom eisigen Paddel-Lied? Nicht doch! Nach einer Stunde winterlichem “Fitness-Training” ist´s dennoch geschafft!
Arktisgefühle und Anbaden
“Pass´auf, um die Ecke wartet ´n Eisbär auf dich!”, “warnen” zwei Jungs von der Querkanalbrücke herab. Über die schiebt sich eine Autoschlange Richtung Hafen. Auf dem eisigen Wasser gibt´s keine Stauprobleme.
Hinter der Rügen- und Ziegelgrabenbrücke, fest vertäut am Nautineum, liegt der “große Bruder”: bis vor kurzem noch Deutschlands mächtigster Eisbrecher “Stephan Jantzen”, nun arbeitslos. Hinter der Mittelmole des Nordhafens präsentiert sich die „Gorch Fock“ (I) als von Neueis eingeschlossenes Kunstobjekt. Allemal gut für einen Schnappschuss aus der eisigen Froschperspektive.
Der Frost beißt in die handschuhverpackten Hände, die Füße werden gefühllos und brauchen Streckbewegungen. Durch den Dunstschleier kämpft sich die Sonne an den jetzt blauen Himmel über Rügen. Arktisgefühle werden wach und eine sommerliche Ahnung von Spitzbergen- und Grönland-Erinnerungen.
Und das Anbaden muss sein an diesem 5. Januar 2009. Zu Hause gibt´s dann eine heisse Dusche und die vorgeheizte Sauna zum Auftauen.
Bleibt noch die Frage: Wozu in die (eisige) Ferne schweifen?
Dr. Peer Schmidt-Walther (www.psw-am-sund.de









